Der Lauf durch die Nacht

Umgibt uns das Schwarz der Nacht, kann dies verschiedenste Gedankengänge hervorrufen. Von Schaudern bis Euphorie ist wohl jede Gefühlslage mit Dunkelheit verbunden. Am heutigen Abend begleiten wir die 16-jährige Ilaria Gruber, die im Dress des Teams Engadin Nordic am 5. Engadiner Nachtlauf startet. Jegliche schwere Empfindungen, die mit der Nacht in Verbindung gebracht werden könnten, schiebt sie mit jugendlicher Leichtigkeit von sich: «Die Dunkelheit macht mir nichts aus – mir gefällt sie sogar, denn dann sieht man all die schönen Sterne.»

Und überhaupt: «Ob es hell oder dunkel ist, die Aussenwelt nehme ich während eines Rennens nur am Rande war.» Fünfzehn Minuten vor dem Start begibt sie sich in den Startbereich. Sie ist zu diesem Zeitpunkt eine der Ersten. Was aber auffällt: beinahe alle Läufer:innen haben hier bereits ihre Skier hingelegt. So reserviert sich jeder seinen Startplatz. Beobachtende der Szenerie erinnert es an Touristen, die an Hotelpools früh morgens mit einem Badetuch ihren Liegestuhl reservieren. Ilarias Skier liegen in der zweiten Reihe. «Jetzt beginnt die Nervosität zu steigen» , sagt sie. Sie nutzt den Moment, um das Rennen nochmals vor dem inneren Auge durchzugehen. Dann tummeln sich um sie herum von Minute zu Minute mehr Läufer:innen. Auch bei ihnen scheint die Stimmung von Entspannung zu Konzentration zu wechseln. Die Gespräche verstummen, alle sind nun bei sich. In der heutigen Nacht soll der Vollmond aufsteigen. Doch ist er noch nirgends zu sehen. Dafür leuchten im Startbereich hunderte Stirnlampen. Und davor Kerzen, die den Sportler:innen die Richtung auf den ersten hundert Metern weisen sollen. Das letzte Dämmerlicht verschwindet hinter Maloja und ein Blick auf die Uhr zeigt an, dass der Startschuss aus der Pistole von Curdin Perl jederzeit bevorsteht. «Geht es los, fällt die Nervosität von mir ab und ich freue mich einfach nur noch auf den Lauf», sagt Ilaria Gruber. Dann kracht der Schuss und die Läufer:innen sausen los, hinaus in die Dunkelheit. Vom Seitenrand schaut Marianna Gruber ihrer Tochter nach. Sie sagt: «Schön ist, dass Ilaria den Langlaufsport in erster Linie aus Spass betreibt. Und weil sie die sozialen Kontakte mit anderen Läufer:innen schätzt.»

Eine Tochter auf Vaters Spuren

Die junge Engadinerin wuchs in Silvaplana auf. Bereits als Dreijährige stand sie zum ersten Mal auf Langlaufskiern. Ihr damaliger Held? Wie bei vielen Töchtern, ihr Vater. «Ich wollte mit ihm durch die Winterlandschaft gleiten», erinnert sich Ilaria. Ihr Vater ist es auch, der sie fast jedes Wochenende an die Rennen fährt und ihre Skier mit Wachs präpariert. «Sein Engagement ist riesig», sagt Marianna Gruber. Gleichzeitig wuchs auch Ilarias Engagement. «Letzten Sommer reiste ich in zehn Trainingslager», erzählt sie. Damit dies möglich ist, besucht sie die Academia Engiadina in Samedan. Hier erhält die Gymnasiastin, zusammen mit anderen ambitionierten Jungsportler:innen, einen auf ihre zeitlichen Kapazitäten angepassten Unterricht.