«Allegra!» Hier spricht Kultur

Wer früher seine Briefe und Pakete an Orte mit rätoromanischen Namen adressierte, hatte schlechte Karten: Diese Sendungen wurden von der Post schlichtweg nicht befördert.

Ändern sollte sich dies erst nach 1938 mit der Anerkennung des Rätoromanischen als vierte Nationalsprache der Schweiz neben Deutsch, Französisch und Italienisch. Mit Erfolg: Heute gehört «unsere» Sprache zur Schweizer Kultur wie das Skifahren zum Engadiner Winter.

Nachdem die Römer im Jahre 15 v. Chr. die Provinz Rhätien erobert hatten, vermischte sich die Mundart der Soldaten und Siedler mit den Dialekten der Einheimischen. Mit dem Einfluss der Germanen um das 8./9. Jahrhundert wich dieses «Rumauntsch» allerdings aus weiten Teilen der Ostschweiz in die Engadiner Täler zurück, wo es sich im Laufe der Jahrhunderte auch gegenüber dem Italienischen standhaft zeigen musste.

Eine Sprache – fünf Idiome

Gross war und ist die rätoromanische Sprachgemeinschaft nie – Zahlen schwanken zwischen 45 000 und 60 000 Muttersprachlern. Die Bündner Topographie mit ihren «1000 Gipfeln und 150 Tälern» verhinderte die Entwicklung eines kulturellen Zentrums und einheitlichen Sprachbildes. Heute identifiziert die Sprachwissenschaft mit Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Vallader und Puter fünf Idiome, das letztere ist im Oberengadin verbreitet.

Mitte des 19. Jahrhunderts bescherte der wirtschaftliche Aufschwung Graubünden einen florierenden Tourismus. Das Deutsche hielt bald prominent Einzug: Zwischen 1850 und 1930 sank der Anteil Romanischsprechender um fast die Hälfte.

«Ni Italians, ni Tudais-chs! Rumantschs vulains restar!»

Schliesslich begann Graubünden, diese Germanisierung offiziell zu fördern – doch mit dem energischen Widerstand von rätoromanischen Gruppierungen hatte der Kanton nicht gerechnet. Es formten sich in den Tälern Vereine – im Engadin, der um 1904 gegründete Verein «Uniun dals Grischs» – die sich für die Erhaltung und Promotion der romanischen Sprache und Kultur einsetzten. 1919 wurde die Lia Rumantscha als Dachverband aller rätoromanischen Sprachvereine gegründet.

Es galt, sich nicht nur gegen die drohende Vereinnahmung durch das Deutsche, sondern auch durch das Italienische zu schützen. Die italienische Linguistik und Politik hielt das Rätoromanische nämlich für nichts weiter als einen lombardischen Dialekt, und Mussolini spielte sogar mit dem Gedanken, den Kanton zu «befreien» und Italien einzuverleiben. Der damalige Ausruf des rätoromanischen Dichters Peider Lansel sprach den Betroffenen leidenschaftlich aus der Seele: «Ni Italians, ni Tudais-chs! Rumantschs vulains restar!» («Weder Italiener noch Deutsche! Rätoromanen wollen wir bleiben!»)

Spektakuläre Solidarität

Am 20. Februar 1938 läuteten die Bündner Kirchenglocken ungewöhnlich lange, denn es galt, einen historischen Urnengang zu feiern: Mit einer überwältigenden Mehrheit von über 91 % erklärte das Schweizer Wahlvolk Rätoromanisch zur vierten Nationalsprache. Wohlgemerkt: Eine Nationalsprache ist noch keine Amtssprache, denn während erstere «nur» die gesprochene Sprache als Landessprache (an)erkennt, garantiert letztere, dass die Kantons- und Bundesverwaltung auch in dieser Sprache kommunizieren können. Erst 1996 erlangte Rätoromanisch einen Status als Teil-Amtssprache und ist für Personen mit rätoromanischer Muttersprache seit 1999 auch als uneingeschränkte Amtssprache anerkannt.

Rumantsch Grischun – wie eine Einheitssprache entsteht

Mit dieser offiziellen Akzeptanz stand die Verwaltung vor einem nicht unerheblichen Problem: Da ihre Mitarbeitenden unmöglich jedes einzelne rätoromanische Idiom beherrschen konnten, musste eine einheitliche Schriftsprache her. Die Lia Rumantscha liess sich nicht zweimal bitten und präsentierte 1982 «Rumantsch Grischun» als neue Standardsprache, die auf den fünf offiziellen Idiomen basiert. Heute publizieren sowohl der Bund als auch teilweise romanische Nachrichtenmedien in Rumantsch Grischun. Auch in der IT setzt sich die Standardsprache durch: Wikipedia, Google, Microsoft-Office – sie alle «sprechen» Rumantsch Grischun. In den romanischsprachigen Regionen bleiben die Idiome jedoch als Schriftsprache erhalten.