«Ruhe, Grösse, Sonnenlicht» – Friedrich Nietzsches Entdeckung der Engadiner «Ober-Erde» als «heroisches Idyll»


Vortrag von Joachim Jung im Rahmen der Silser Kunst- und LiteraTourtage
Sieben «Arbeits-Sommer» (1881, 1883-1888), insgesamt mehr als 1 ½ Jahre, verbrachte Nietzsche in Sils Maria, jenem Ort, den er bereits bei seinem ersten Aufenthalt in Superlativen feiert und der ihm in Hinsicht auf die Ansprüche sowohl seiner Gesundheit als auch seiner geistigen Produktivität schon bald als «bewiesen» gilt. Tatsächlich ist ein grosser Teil seines Werkes hier entstanden.
Der Vortrag untersucht, wie dieser Ort und seine Umgebung in der Verschränkung mit Nietzsches vielfältigen Perspektivierungen, selektiven Wahrnehmungen und inszenatorischen Ansprüchen zu einer Art philosophischer Landschaft wurden. Zu einem Raum, dessen Formationen (Ebene, Weg, Wald, Berg, See, Gletscher, Halbinsel) und wechselnde Beleuchtungen in Nietzsches Gedankenwelt eine geistig-konzeptuelle Aufladung erfuhren, die bis heute nachwirkt. Wo und inwieweit sind Konstruktion und Inszenierung immer schon mit am Werk, wenn er sein Denken verortet? Dabei ist auch der Status von einigen – inzwischen längst zum Klischee geronnenen – Rollenbildern zu befragen, für die das Oberengadin dem Philosophen eine landschaftliche Bühne bot: Hochgebirgs-Philosoph, geistiger Gipfelstürmer und Gratwanderer, Denker in Gletscherzonen, Eremit und Höhlenbär, usw. Und schliesslich: Nietzsche hatte auch einen besonderen, janusköpfigen Blick für das «Metaphysische» dieser Landschaft, als Schwelle zwischen Lebensraum und Todeszone.
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