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Vom Grossvater zum Vater zum Sohn

Und nach uns?

Ein Dach eindecken wie ein Malenc – das ist Kunst

9.30 Uhr in Sils. Es ist Ende Oktober, ein wunderschöner Herbsttag. Von einem Dach am Dorfrand hört man das immer gleiche Geräusch. Di-Ding, Di-Ding, Di-Ding – es ist der Klang eines Hammers, der auf eine Steinplatte trifft.

Stefano, Michele, Giampietro und Andrea sind daran, das Dach neu einzudecken. Dreiviertel der einen Dachseite ist fertig. Sie arbeiten mit Hochdruck. Vor dem Winter muss nicht nur dieses Dach noch fertig werden. “Buongiorno”, grüssen sie freundlich. Die vier Männer, zwischen 30 und 50 Jahre alt, sprechen nur Italienisch. Sie stammen aus dem Val Malenco. Dem Tal, das die Geschichte der Engadiner Dächer prägt. «Schau dich um”, sagt Michele, von allen nur Zep genannt, “alle Dächer, die du hier siehst, sind Steindächer. Unsere Grossväter und Väter haben sie gemacht, jetzt machen wir dasselbe und sind stolz darauf.» Im hintersten Fextal zeugt der restaurierte Steinbruch, die Cheva Plattas da Fex, von der Geschichte ihrer Vorfahren. Damals kamen die jungen Männer im November/Dezember, um im Steinbruch die begehrten Fexerplatten zu gewinnen.

Malencs

Ein Dach eindecken wie ein Malenc – das ist Kunst

Wir setzen uns. Sie reichen mir ein Kissen – der italienische Charme kommt früh zum Vorschein. Wer sind diese Männer aus dem Val Malenco? Man hört, sie seien tüchtig, eigen, und keiner fertige Steindächer, wie sie es tun. Im Gegensatz zum klassischen Dachdecker legen Malencs nämlich nur Natursteine. Läuft man über ein von ihnen gefertigtes Dach, hört und spürt man nichts, keine Platte bewegt sich – es ist, als liefe man über einen Teppich. «Dächer sind immer Dächer, aber man sieht, wenn sie von uns gemacht wurden”, so Stefano. “Eine Ausbildung haben wir nicht. Ich habe mit 15 Jahren angefangen - das ist die scuola del nonno.»

«Die Steinplatten müssen sich wie ein Mosaik ineinander einfügen,» ergänzt Andrea während er eine in die Hand nimmt. Das ist die Kunst. Er dreht sie von einer Seite auf die andere dann wieder zurück – sie passt nicht. Also steht er auf und lässt den Blick über die anderen Steinplatten schweifen, die auf dem Dach gestapelt sind. Er zieht eine hervor und probiert erneut. «Man muss das Auge und ein Gefühl für die Steine haben.» Diesmal passt sie. Mit dem Hammer rundet er die Platte noch etwas ab, schlägt weg, was zu dick ist. Was abbricht, fliegt in alle Richtungen – das ganze Dach ist über und über mit gesprenkeltem Steinbröckchen verziert. Gewischt wird erst am Schluss. Mit ein paar Hieben schlägt Andrea auf jeder Seite der Steinplatte eine Kerbe ein und befestigt sie mit je einem Nagel am Dach. Schnell mit der Kante des Hammers noch eine Linie auf die Platte zeichnen, damit man weiss, wo die nächste hinkommt. Fertig. Und das Spiel beginnt von vorne. Es ist eine monotone und körperlich strenge Arbeit. «Hammer und Nagel ist alles, was wir brauchen», ruft Giampietro, alias Geppo, und streckt das Werkzeug in die Luft – Hände und Hosen ganz weiss vom Staub. Geredet wird hier nicht viel. Geppo singt, Zep und Andrea pfeifen oder stimmen gelegentlich mit vereinzelten Worten ein und Stefano - er verliert bei der Arbeit kein Wort. Sie verbringen 8 Monate zusammen – Neues zu berichten gibt es höchstens mal nach dem Wochenende.

Arriverà Novembre – der November wird kommen

17 respektive 10, 8 und 7 Jahre arbeiten sie nun bereits bei der Firma Meuli AG in Sils. Sie verbringen die ganze Woche im Engadin. In die Heimat zu Frau und Kindern gehen sie nur am Wochenende. Auf die Frage, was das für ein Leben sei, antwortet Zep: «Una vita durissima – ein sehr hartes Leben.» Und fügt hinzu: «Keine Familie, keine Frau – nur Steine, und das während acht Monaten.» Es ist nicht einfach, die Männer zu lesen. Doch der Ausdruck in Zeps hellblauen Augen kann die Sehnsucht nicht leugnen. «Uns geht es sehr gut hier, das Engadin ist wunderschön, wir haben eine sichere Arbeit, doch wenn du am Sonntagabend oder Montagmorgen in aller Früh weinende Kinder zurücklässt – das ist nicht einfach.» Sagt er und blickt zu Andrea, der zustimmend nickt. November bedeutet für die Arbeiter aus dem Malenco, dass sie sich Tag X nähern, dem Tag, an dem sie nach Hause können. «Der November kommt bestimmt» So lautet denn auch der Titel eines Dokumentarfilms, der die Geschichte ihrer im Steinbruch arbeitenden Vorfahren erzählt. Anders als ihre Nachkommen, die auf den November hinarbeiten, um bald nach Hause zu können, mussten sie die Arbeit im Steinbruch in den Wintermonaten verrichten, damit die Steine im Sommer gelegt werden konnten. «Der November kommt bestimmt» - ein Titel passend für die gestrige und heutige Generation Malencs.

Malencs

Mittlerweile ist es Nachmittag, die Sonne brennt vom Himmel. «An einem Tag wie heute kann man sich nicht beklagen, aber an anderen willst du vom Dach springen», witzelt Zep. «Ein Pavillon und Blachen schützen uns dann vor dem garstigen Wetter.» 9 Stunden Arbeit bei jeder Witterung, meistens auf den Knien oder sitzend - das geht in die Knochen. Löcher in den Hosen und Schuhsohlen, die sich Ende Saison langsam ablösen, sind nur die äusserlichen Merkmale. Da wundert es nicht, wenn sie sagen, dass es nicht mehr viele gäbe, die diese Arbeit machen. «Wir sind die Letzten unserer Sorte.» Ihnen, sind Zep, Andrea, Geppo und Stefano überzeugt, wurde der Beruf noch in die Wiege gelegt. Nach dem Grossvater der Vater, dann der Sohn. Für ihre Kinder wünschen sie sich jedoch etwas anderes. Auch wenn das bedeutet, dass eine Kultur, grosses handwerkliches Geschick, Können und letzten Endes eine Kunst vielleicht verloren geht.

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